Supply Chain · China Sourcing · China vs. Europe

China+1 ist kein Umzug, sondern eine Zusatzstrategie: Was Vietnam, Indien und Mexiko leisten — und was nicht

Viele europäische Unternehmen ergänzen ihre China-Bezugsstrategie um zweite Quellen. Ein nüchterner Vergleich der Alternativen — mit Lohndaten, Reifegrad der Lieferantenmärkte und der für den Maschinenbau entscheidenden Frage: Wer kann CNC-, Guss- und Schmiedequalität wirklich liefern?

Key Insight

China+1 funktioniert als Risikoabsicherung, nicht als Ersatz: Für komplexe Fertigungsketten — Werkzeugbau, Guss, Beschichtung, Prüftechnik in einem Industriepark — existiert außerhalb Chinas kaum ein Markt mit vergleichbarer Dichte. Die zweite Quelle lohnt sich vor allem für einfachere Teilfamilien und als Verhandlungshebel.

Zusammenfassung

China+1 — die Ergänzung der China-Bezugsbasis um Lieferanten in einem weiteren Land — ist in europäischen Einkaufsstrategien zum Standard geworden. Die Motive sind bekannt: geopolitische Risiken, Tarif-Themen, Resilienz. Entscheidend ist, was die Alternativen realistisch leisten können.

Auf der Lohnseite liegen die Alternativen unter China: Vietnam meldet für 2024 ein durchschnittliches Monatsgehalt im verarbeitenden Gewerbe von umgerechnet rund 350 US$ (GTAI, auf Basis amtlicher vietnamesischer Daten). Doch der Lohnvorsprung ist im industriellen Sourcing selten der entscheidende Parameter — wichtiger sind Fertigungstiefe, Werkzeugbau-Kapazitäten und Qualitätsinfrastruktur.

Die nüchterne Bilanz für den Maschinenbau-Zulieferbedarf: Vietnam überzeugt bei Blech, Kunststoff und Elektronik sowie als China-Ergänzung für mittlere Komplexität; Indien baut Guss- und Schmiedekapazitäten auf, arbeitet aber mit logistischen und administrativen Friktionen; Mexiko punktet für den nordamerikanischen Markt, weniger für Europa.

Fazit: China+1 ist eine sinnvolle Absicherung und ein echter Verhandlungshebel gegenüber chinesischen Lieferanten — aber kein Ersatz für die Fertigungstiefe, in der China nach wie vor einzigartig ist.

Was ist passiert?

Vietnam: Laut GTAI (auf Basis der vietnamesischen Statistikbehörde GSO und JETRO-Daten) lag das durchschnittliche Monatsgehalt im verarbeitenden Gewerbe 2024 bei umgerechnet rund 349 US$ — deutlich unter dem chinesischen Niveau von etwa 1.250 US$ (NBS, verarbeitendes Gewerbe). Lohnkosten je Arbeiterin im Produktionsbereich: rund 421 US$ (JETRO).

Die industrielle Infrastruktur bleibt der Engpass: Während China über die vollständige Wertschöpfungskette verfügt — von der Gießerei über den Werkzeugbau bis zur Prüftechnik — müssen alternative Standorte für komplexe Metallbearbeitung häufig Material, Werkzeuge oder Vorprodukte importieren, was Durchlaufzeiten und Abhängigkeiten wieder erhöht.

BENTENKAMP-Beobachtung: Die qualifizierten vietnamesischen und indischen Lieferanten für CNC-, Guss- und Schmiedeteile existieren, sind aber im Markt deutlich dünner gesät als in China — die Such- und Qualifizierungsaufwände pro passendem Werk entsprechend höher.

Warum es zählt

Resilienz ist in der Einkaufskalkulation angekommen: Lieferketten, die auf einem Land basieren, tragen ein Klumpenrisiko — auch ohne geopolitische Eskalation gab es in den letzten Jahren genügend Demonstrationen davon (Pandemie, Energiekrise, Engpässe).

Gleichzeitig droht das Gegenteil des Zwecks: Unternehmen, die China+1 als vollständige Verlagerung komplexer Teilefamilien planen, scheitern regelmäßig an Fertigungstiefe und Durchlaufzeiten. Die Strategie funktioniert nur als priorisierte Ergänzung, nicht als Ersatz.

Der dritte Effekt ist kommerziell: Alleine die ernsthafte Prüfung zweiter Quellen verbessert typischerweise die Verhandlungsposition gegenüber dem bisherigen Hauptlieferanten.

Was es für europäische Industrieunternehmen bedeutet

Für mittelständische Maschinenbauer empfiehlt sich eine Teilfamilien-Priorisierung: Standardisierte, automatisierbare Teile mit stabiler Nachfrage sind die Kandidaten für eine zweite Quelle; komplexe, toleranzkritische Teile mit hohem Engineering-Anteil bleiben in der Regel zunächst an den qualifizierten China-Lieferanten gebunden.

Einkaufsorganisationen sollten die Qualifizierungskosten realistisch einplanen: Zwei Quellen bedeuten doppelte Audit-, Muster- und Freigabeprozesse. Der Nutzen liegt in Risikoreduktion und Verhandlungsmacht, nicht in kurzfristiger Kostensenkung.

Langfristig ist zu erwarten, dass Vietnam und Indien ihre Fertigungstiefe ausbauen — die Frage ist das Tempo. Unternehmen, die heute Lieferantenbeziehungen dort qualifizieren, partizipieren an der Entwicklung.

Einordnung & Perspektive

BENTENKAMP-Position: Wir betreiben China+1 mit unseren Kunden dort, wo es Sinn ergibt — priorisiert nach Teilfamilie, Volumen und Risikoprofil. Die Entscheidung treffen wir anhand von Daten (Kosten, Durchlaufzeit, Fertigungstiefe), nicht anhand von Stimmungsbildern.

Konkret: Für einen Kunden mit Guss- und CNC-Teilen ergab die Analyse Vietnam als sinnvolle Ergänzung für einfachere CNC-Teile, während komplexe Gussbaugruppen in China blieben — mit dokumentierter Dual-Source-Option für den Fall von Kapazitätsengpässen.

Wir halten fest: China+1 ist kein Werturteil über Länder, sondern ein Risiko-Engineering-Instrument. Wer es so behandelt, gewinnt beides — Resilienz und Kostenbasis.

Das Wichtigste in Kürze
  • Vietnam (verarbeitendes Gewerbe 2024): Ø-Bruttomonatslohn rund 349 US$ — deutlich unter Chinas ca. 1.250 US$ (GTAI/GSO bzw. NBS).
  • Der eigentliche Engpass alternativer Standorte ist Fertigungstiefe, nicht der Lohn.
  • China+1 lohnt sich priorisiert für einfachere, automatisierbare Teilfamilien.
  • Zwei Quellen bedeuten doppelte Qualifizierung — der Nutzen ist Risiko und Verhandlungsmacht, nicht Kurzfristkosten.
  • Die Ernsthaftigkeit der zweiten Quelle allein verbessert die Position gegenüber dem Hauptlieferanten.

Quellen & Datengrundlage

  • GTAI — Lohnkosten Vietnam (GSO- und JETRO-Daten 2024) (2025) — www.gtai.de/de/tradeLänderanalyse
  • GTAI — Löhne und Gehälter China (NBS 2024) (2025-12-02) — www.gtai.de/de/tradeLänderanalyse
Themen Machined parts Castings Mechanical engineering Supply chain strategy Sourcing China Vietnam India Mexico

Analysen-Stand: 15. August 2026 · Redaktion: BENTENKAMP Market Intelligence Desk (Industry Solutions · Supply Chain Strategy). Fakten und Interpretation sind im Text getrennt gekennzeichnet.

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