Guide 02 · Logistik & Kalkulation
Incoterms & Versand: was die Klausel in der China-Kalkulation wirklich bedeutet.
Kernaussage
EXW ist selten so billig, wie es aussieht — und DAP selten so teuer. Der scheinbare Preisunterschied zwischen den Klauseln liegt fast vollständig in den Posten, die EXW stillschweigend auf Ihre Seite des Tisches legt: chinesische Inlandlogistik, Exportabfertigung, Fracht, Versicherung, Zoll auf beiden Seiten, letzte Meile.
Die vier Klauseln im China-Kontext
| Klausel | Wer trägt was | Einordnung im China-Geschäft |
|---|---|---|
| EXW (Werk) | Käufer trägt alles ab Werkstor — inkl. chinesischer Exportabfertigung | Nur mit eigenem China-Exportsetup sinnvoll; sonst teurer als gedacht und haftungstechnisch holprig (Risikoübergang vor der Verladung) |
| FOB (an Bord) | Verkäufer bis Verladung im Heimathafen; Käufer ab dort | Der Klassiker mit eigener Frachtkontrolle: Sie wählen Reederei und Frachtführer, sehen die Seefracht transparent |
| CIF (Kosten, Versicherung, Fracht) | Verkäufer organisiert Seefracht + Mindestversicherung bis Zielhafen | Bequem, aber: Fracht und Versicherung in der Werk-Kalkulation unsichtbar; bei Schäden oft Mindestdeckung — prüfen, nicht annehmen |
| DAP (geliefert Ort) | Verkäufer organisiert alles bis zum benannten Ort (Zoll Einfuhr: Käufer) | Beim ersten Geschäft oft der ehrlichste Weg: ein Gegenüber, eine Kette, keine Schnittstellen-Risiken — Zoll bleibt formal bei Ihnen |
Das Kalkulationsschema für ehrliche Vergleiche
Um Angebote mit unterschiedlichen Klauseln vergleichbar zu machen, rechnen wir alles auf eine Zielort-Basis um. Das Schema (als Beispiel ein 1×40'HC-Container, Werk Jiangsu → DACH-Industriestandort, Werte als Größenordnungen):
| Posten | Größenordnung | Hinweis |
|---|---|---|
| Chinesische Inlandlogistik + Export | 300–800 € / Container | Bei EXW/F„b“ Ihre Baustelle — bei FOB/DAP im Werkpreis enthalten |
| Seefracht | 1.500–4.500 € / Container | Volatil je Route und Saison; aktuelle Notierung einholen, nicht schätzen |
| Versicherung | 0,3–0,8 % des Warenwerts | Mindestdeckung CIF oft zu niedrig — Deckungssumme definieren |
| Einfuhrzoll | Warennummer-abhängig | Zuordnung vor dem Auftrag klären (TARIC), nicht beim Wareneingang |
| CBAM-Kosten (Stahl etc.) | emissionsbasiert | Seit 2026: Zertifikatspflicht je eingebetteter Emission — siehe CBAM-Guide |
| Entlade- & letzte Meile | 200–600 € | Gerade schwere Teile: Kran, Sondertransport, Baustellenlogistik |
Warum das der Kern der TCO-Debatte istDer Vergleich „EXW China gegen Vollkosten Deutschland" ist die häufigste Fehlkalkulation im China-Sourcing. Erst wenn alle Posten des Schemas auf beiden Seiten eingerechnet sind, ist ein Standortvergleich ehrlich — das ist die Methode hinter allen Cases dieser Website.
Sieben praktische Regeln
- Erstes Geschäft: DAP oder FOB. Schnittstellen minimieren, Frachttransparenz behalten.
- Klausel und Zieladresse schreiben, nicht nur nennen: „DAP Stuttgart, abgeladen" ist eine andere Leistung als „DAP Hamburg Hafen".
- Zolltarifnummer vor dem Auftrag klären: Die Zuordnung entscheidet über Zollsatz, Prüfanforderungen und — seit 2026 — CBAM-Pflicht.
- Versicherungssumme definieren: Die CIF-Mindestdeckung (110 % CIF-Wert, Institute Cargo Clauses C) ersetzt keine echte Risikoabwägung.
- Schwere und sperrige Teile separat planen: OOG (Out of Gauge), flat rack, Verpackungsnachweis — das ist ein eigenes Unterprojekt.
- Lieferfenster mit Puffern planen: Hafenkongestion, Chinesisches Neujahr, Wetter — Serienplanung ohne 3–4 Wochen Puffer ist Wunschdenken.
- Dokumenten-Check beim Auftrag: Handelsrechnung, Packing List, Ursprungszeugnis, ggf. Prüfzeugnisse — fehlende Dokumente verzögern die Einfuhr teurer als jede Fracht.
Das Wichtigste in Kürze
- EXW verschiebt versteckte Kosten auf Ihre Seite — selten der billigste Weg.
- Erstes Geschäft: DAP (ein Gegenüber) oder FOB (Frachtkontrolle).
- Alle Angebote auf Zielort-Basis umrechnen, bevor verglichen wird.
- Zolltarifnummer und CBAM-Relevanz vor dem Auftrag klären — nicht im Versand.