Case 01 · Gussteile
Sphäroguss-Gehäuse für die Antriebstechnik — 6 Monate von der Ausschreibung bis zur stabilen Serie.
Ausgangslage
Der Kunde — ein Maschinenbauer mit rund 350 Mitarbeitern — fertigt Antriebsstationen, deren Getriebegehäuse seit Jahren von einem regionalen Gießer geliefert wurden. Dessen Restrukturierung kündigte sich an: Letzte Charge Mitte des Jahres, danach Schließung der relevanten Linie. Die Neuausschreibung in Europa brachte zwei Erkenntnisse: Preise rund 40 % über dem bisherigen Niveau, Lieferzeiten von bis zu neun Monaten. Der Vorstand beschloss, parallel eine qualifizierte China-Option aufzubauen — mit der ausdrücklichen Vorgabe, dass die Entscheidung auf Basis von Total Cost of Ownership fallen soll, nicht auf Basis des EXW-Stückpreises.
Vorgehen
Identifikation & Shortlist
Fünf Gießereien in Jiangsu und Zhejiang mit EN-GJS-Erfahrung und eigener Nachbearbeitung vorselektiert — über Cluster-Kenntnis und Marktnetzwerk, nicht über Datenbanken.
Werksaudits
Drei Werke besichtigt. Ausschlusskriterien: ein Werk ohne eigenes Schmelzwerk-Protokoll, ein Werk ohne dokumentierte Modellwartung. Übrig: ein Mittelständler mit eigenem Schmelzwerk, Spektralanalyse je Schmelze und CNC-Vorbereitung im Haus.
Technische Bewertung & Anfrage
Zeichnungspaket mit Gießprobenanforderung, 3.1-Zeugnis, Schmelzprotokoll und definierter Gussfehlerklassifikation. Angebotsvergleich über drei Werke; das auditierte Werk lag nicht am günstigsten — wurde aber auf Basis des Audit-Befunds beauftragt.
Modellbau & Erstmuster
Modell beim Werk gebaut, erste Formserie gegossen. Erstmuster vollständig auf KMG vermessen — einschließlich der bisher im Altfertigungsprozess nicht geprüften Geometrien.
Serienanlauf
Drei Losgrößen à 200 Stück mit Sichtprüfung und Schmelzprotokoll-Abgleich je Charge. Übergabe an laufende Betreuung mit Quartals-Reporting.
Was schwierig war: die Porenreklamation
In der zweiten Seriencharge zeigte sich an drei von 200 Gehäusen eine Porenlage an einer Bohrungsansatzstelle — innerhalb der vereinbarten Klassifikation, aber grenzwertig. Der Kunde beanstandete; wir initiierten die dokumentierte Abweichungsbearbeitung: Ursachenanalyse beim Werk ergab eine zeitweise zu hohe Gießtemperatur in einer Schmelze (nachweisbar im Schmelzprotokoll — genau dafür ist die Rückverfolgbarkeit da). Gegenmaßnahmen: Engere Temperaturfenster mit dokumentierter Gießtemperatur je Charge, zusätzliche UT-Stichprobe an der kritischen Zone für drei Monate. Ergebnis: Null weitere Auffälligkeiten über die folgenden fünf Lose. Die Bearbeitung liegt als 8D-Report beim Kunden — und dieser Fall war der Anlass, die UT-Stichprobe als Dauerregel in die Qualitätsvereinbarung zu übernehmen.
Ergebnis
- −31 % Beschaffungskosten gegenüber dem besten EU-Angebot (TCO inklusive Logistik, Prüfung und Betreuung; nicht EXW gegen EXW).
- Lieferzeit ab Auftrag: 11 Wochen statt prognostizierter 9 Monate in Europa.
- Qualität: Reklamationsquote über die ersten fünf Lose unter dem bisherigen EU-Niveau des Kunden — nach der initialen Porenphase.
- CBAM: Das Werk lieferte Emissionsdaten auf Anlagenebene bereits mit der zweiten Lieferung — die 2026er-Pflicht war damit vorab erfüllt.
Lessons Learned
- Audit-Befund schlägt Stückpreis: Das beauftragte Werk war nicht das billigste — es war das einzige, dessen Schmelzdatenlage die Reklamationsbearbeitung überhaupt ermöglichte.
- Gussfehlerklassifikation vor dem Auftrag vereinbaren — der Porenfall blieb lösbar, weil die Klassifikung vorab definiert war. Ohne sie wäre es ein Definitionsstreit geworden.
- Erstmuster vollflächig prüfen: Die KMG-Vollmessung deckte zwei Geometrieabweichungen auf, die die bisherige deutsche Fertigung „eingefahren" hatte — die chinesische Neubewertung hat hier die Konstruktionsdaten verbessert.
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