Case 01 · Gussteile

Sphäroguss-Gehäuse für die Antriebstechnik — 6 Monate von der Ausschreibung bis zur stabilen Serie.

Branche
Maschinenbau / Antriebstechnik
Teilfamilie
Getriebegehäuse, EN-GJS-400-15
Volumen
2.400 Stück/Jahr
Ergebnis
−31 % Kosten, Serie stabil

Ausgangslage

Der Kunde — ein Maschinenbauer mit rund 350 Mitarbeitern — fertigt Antriebsstationen, deren Getriebegehäuse seit Jahren von einem regionalen Gießer geliefert wurden. Dessen Restrukturierung kündigte sich an: Letzte Charge Mitte des Jahres, danach Schließung der relevanten Linie. Die Neuausschreibung in Europa brachte zwei Erkenntnisse: Preise rund 40 % über dem bisherigen Niveau, Lieferzeiten von bis zu neun Monaten. Der Vorstand beschloss, parallel eine qualifizierte China-Option aufzubauen — mit der ausdrücklichen Vorgabe, dass die Entscheidung auf Basis von Total Cost of Ownership fallen soll, nicht auf Basis des EXW-Stückpreises.

Vorgehen

Woche 1–3

Identifikation & Shortlist

Fünf Gießereien in Jiangsu und Zhejiang mit EN-GJS-Erfahrung und eigener Nachbearbeitung vorselektiert — über Cluster-Kenntnis und Marktnetzwerk, nicht über Datenbanken.

Woche 4–6

Werksaudits

Drei Werke besichtigt. Ausschlusskriterien: ein Werk ohne eigenes Schmelzwerk-Protokoll, ein Werk ohne dokumentierte Modellwartung. Übrig: ein Mittelständler mit eigenem Schmelzwerk, Spektralanalyse je Schmelze und CNC-Vorbereitung im Haus.

Woche 7–12

Technische Bewertung & Anfrage

Zeichnungspaket mit Gießprobenanforderung, 3.1-Zeugnis, Schmelzprotokoll und definierter Gussfehlerklassifikation. Angebotsvergleich über drei Werke; das auditierte Werk lag nicht am günstigsten — wurde aber auf Basis des Audit-Befunds beauftragt.

Woche 13–22

Modellbau & Erstmuster

Modell beim Werk gebaut, erste Formserie gegossen. Erstmuster vollständig auf KMG vermessen — einschließlich der bisher im Altfertigungsprozess nicht geprüften Geometrien.

Woche 23–26

Serienanlauf

Drei Losgrößen à 200 Stück mit Sichtprüfung und Schmelzprotokoll-Abgleich je Charge. Übergabe an laufende Betreuung mit Quartals-Reporting.

Was schwierig war: die Porenreklamation

In der zweiten Seriencharge zeigte sich an drei von 200 Gehäusen eine Porenlage an einer Bohrungsansatzstelle — innerhalb der vereinbarten Klassifikation, aber grenzwertig. Der Kunde beanstandete; wir initiierten die dokumentierte Abweichungsbearbeitung: Ursachenanalyse beim Werk ergab eine zeitweise zu hohe Gießtemperatur in einer Schmelze (nachweisbar im Schmelzprotokoll — genau dafür ist die Rückverfolgbarkeit da). Gegenmaßnahmen: Engere Temperaturfenster mit dokumentierter Gießtemperatur je Charge, zusätzliche UT-Stichprobe an der kritischen Zone für drei Monate. Ergebnis: Null weitere Auffälligkeiten über die folgenden fünf Lose. Die Bearbeitung liegt als 8D-Report beim Kunden — und dieser Fall war der Anlass, die UT-Stichprobe als Dauerregel in die Qualitätsvereinbarung zu übernehmen.

Ergebnis

  • −31 % Beschaffungskosten gegenüber dem besten EU-Angebot (TCO inklusive Logistik, Prüfung und Betreuung; nicht EXW gegen EXW).
  • Lieferzeit ab Auftrag: 11 Wochen statt prognostizierter 9 Monate in Europa.
  • Qualität: Reklamationsquote über die ersten fünf Lose unter dem bisherigen EU-Niveau des Kunden — nach der initialen Porenphase.
  • CBAM: Das Werk lieferte Emissionsdaten auf Anlagenebene bereits mit der zweiten Lieferung — die 2026er-Pflicht war damit vorab erfüllt.

Lessons Learned

  1. Audit-Befund schlägt Stückpreis: Das beauftragte Werk war nicht das billigste — es war das einzige, dessen Schmelzdatenlage die Reklamationsbearbeitung überhaupt ermöglichte.
  2. Gussfehlerklassifikation vor dem Auftrag vereinbaren — der Porenfall blieb lösbar, weil die Klassifikung vorab definiert war. Ohne sie wäre es ein Definitionsstreit geworden.
  3. Erstmuster vollflächig prüfen: Die KMG-Vollmessung deckte zwei Geometrieabweichungen auf, die die bisherige deutsche Fertigung „eingefahren" hatte — die chinesische Neubewertung hat hier die Konstruktionsdaten verbessert.

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